Zwischen Banking 0.5 und 2.0

Zwischen Banking 0.5 und 2.0von Dirk Elsner*

Die „Finanz- und Wirtschaftskrise“ hat sich in den letzten Wochen mit neuen dramatischen Schlagzeilen zurückgehalten. Das bedeutet nicht, dass die Krise einen Wendepunkt erreicht haben muss oder gar ihrem Ende entgegengeht. In den letzten Wochen keimen aber immerhin zarte Hoffnungspflänzchen auf. Mut machen Meldungen, dass sich Banken untereinander wieder mehr vertrauen. Unterdessen klemmt es aber weiter im Kreditgeschäft.

 

Noch keine erkennbare Neupositionierung traditioneller Banken

 

Eine echte Neupositionierung der traditionellen Banken und einzelner Geschäftsfelder bleibt bislang einer breiteren Öffentlichkeit verborgen. Immerhin wird in Fachkreisen diskutiert. Aus Gesprächen mit Bankern höre ich weiterhin eine relativ große Zurückhaltung, neue Wege zu gehen. Vielfach ist man mit der Stabilisierung gegenwärtiger Geschäftsmodelle beschäftigt. Für neue Ansätze scheint da (noch) wenig Platz zu sein.

 

Zu den ständig wiederholten Vorschlägen aus dem Banksektor gehört die Anforderung an das eigene Gewerbe, das Vertrauen wieder herzustellen und dies z.B. mit Transparenz zu erreichen. Dabei bleibt es meist bei diesem Bekenntnis, das damit zu einer Floskel verkommt, weil es nicht mit inhaltlichen Vorschlägen unterfüttert wird.

 

Schleichender Umbruch

 

Der Umbruch kommt schleichend. Dass nicht bereits viel mehr Kunden ihre Vermögen umdisponiert haben, liegt an einer nachvollziehbaren Trägheit vieler Anleger im Umgang mit Geld (man wechselt halt nicht täglich seine Bank). Und es mangelt (noch) an Alternativen bzw. diese Alternativen haben noch nicht die aus Kundensicht notwendige Reputation erreicht. Um bei der Pflanzenmetapher zu bleiben: Die Kunden wollen zunächst erste Blüten sehen, bevor sie in den neuen Garten gehen.

 

Um Reputation aufzubauen, benötigt eine Bank neben guten Ideen, einem validen Geschäftsmodell und geduldigen Investoren vor allem Geduld. Dies scheint die Quirin Bank zu haben, die ein Modell der Honorarberatung aufgebaut hat, bei dem es keine versteckten Entgelte oder gar Kick-backs an die beratende Bank geben soll.

 

Banking 2.0 mehr als nur ein Buzzwort?

 

Das Stichwort Banking 2.0 ist für viele traditionelle Institute weiter ein Fremdwort. Mit dem zugegeben mittlerweile überstrapazierten „Hype-2.0-Begriffen“ sind freilich hohe Erwartungen an die wie auch immer geartete Einbeziehung der Kunden verbunden. Dies kann sich keinesfalls auf ein paar Kundenumfragen beschränken oder einem Kontaktformular auf der Homepage. Die Institute müssen lernen, das Web 2.0 zu verstehen und daraus Leistungen zu generieren.

 

Aber gerade vor Begriffen wie Banking 2.0 grault es vielen Bankern. Ihnen steht hier ihr traditionelles Denken im Wege. Sie verwechseln offenbar Offenheit und Transparenz mit der Preisgabe von Geschäftsgeheimnissen oder gar Kundendaten.

 

Mangel an Experimentierfreude?

 

Während viele Mitarbeiter oder mittlere Führungsebenen sich mehr Offenheit und Experimentierfreude vorstellen können, verweigert die Führungsspitze den Dünger für neue Ideen. Hier mangelt es an einer Kultur des Herumprobierens, die auf Basis von Trial and Error-Prozessen mit neuen Leistungen experimentiert. Experimentieren wird gern mit dem Eingehen unkalkulierbarer Risiken gleich gesetzt. Dabei hat gerade das Nachahmen US-amerikanischer Geschäftsmodelle deutsche Institute zum „Weltmeister riskanter Bankgeschäfte“ gemacht.

 

Hier wünscht man sich mehr Mut, hat es aber möglicherweise mit einem kulturellen Hemmnis zu tun, wie Nasim N. Taleb in seinem Buch der „Schwarze Schwan“ vermutet. In Europa und Asien sei es nach seiner Auffassung nicht angesagt, Misserfolge zu produzieren.

 

Zaghafte Aufblühen einer neuen Bankingkultur

 

Die Einschätzungen von Taleb werden aber glücklicherweise durch neue spannende Ansätze, wie man Mehrwerte aus der Community ziehen kann, widerlegt. Dies zeigen etwa Börsenportale wie Sharewise, dessen Service ein gutes Beispiel für eine neue Dimension der Transparenz sein könnte. smava „revolutioniert“ die Kreditvergabe durch die Delegation der Kreditvergabeentscheidung an die Einleger (Fachwort peer-to-peer lending). Ein sehr interessanter Ansatz, bei dem Kredite direkt zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber vermittelt werden. Solche Ansätze könnte man mit der entsprechenden Plattform leicht ausweiten auf die Bereitstellung von Eigenkapital für kleinere und mittlere Unternehmen.

 

Weitere spannende Geschäftsmöglichkeiten liegen in neuen Instrumenten zum Risikomanagement, wie sie z.B. Robert Shiller in seiner neuen Finanzordnung sehr konkret beschreibt. Trotz populistischer Kritik an derivativen Finanzinstrumenten, sollte nicht vergessen werden, dass sie ursprünglich geschaffen wurden, um Risiken zu begrenzen. Statt sie Applaus heischend zu verdammen, könnte mehr Energie darauf gesetzt werden, Derivate sinnvoll einzusetzen und auf weitere Anwendungsmöglichkeiten auszudehnen.

 

Shiller und Taleb, die beide deutliche Kritik am Bankwesen in der bisherigen Prägung üben, plädieren keineswegs für die Risikovermeidung. Das Gegenteil ist der Fall. Beide sagen, wir als Menschen und Gesellschaft können uns nur weiterentwickeln, wenn wir weiter bereit sind, Risiken eingehen. Wir müssen dabei die positiven Risiken suchen (Taleb) und uns gegen negative Risiken absichern können (Shiller). Während Taleb dafür plädiert, durch Herumprobieren bewusst nach positiven Schwarzen Schwänen zu suchen, empfiehlt Schiller die Förderung persönlicher auch exotischer Neigungen und deren Absicherung gegen wirtschaftliche Risiken durch neu zu schaffende Derivate.

 

Einbeziehung der Community

 

Weitere Entwicklungen in Richtung Banking 2.0 verspricht der von Kröner ins Leben gerufene Blog von fidor, der sich explizit mit Banking 2.0-Ansätzen auf Xing (Zugang nur mit Registrierung) befasst. Die Fidor Community Banking fördert über die Seite gemege.de die Diskussion mit den Nutzern von Bankdienstleistungen, z.B. darüber, welche Produkte Sinn machen und welche keinen Sinn.

Fidor zeigt, dass Anregungen der Kunden ernst genommen werden können, was nicht bedeutet, dass man alles machen muss, was die Community vorschlägt. Auch im Banking 2.0 gilt die Gravitationstheorie der Finanzwelt.

 

Banking 2.0 auch für die Finanzierungsseite

 

Banking 2.0 beschränkt sich nicht auf die Vermögensanlage oder auf die Dienstleistungsseite. Noch immer kommt der Kreditvergabeprozesse einer „Kreditgewährung“ gleich, einem Prozess zwischen ungleichen Partnern, in dem viele Kreditsachbearbeiter ihre Kreditnehmer die Abhängigkeit auf sehr subtile Art spüren lassen. Dieses Denken ist überholt. Kreditinstitute dürfen sich nicht nur in ihre Sonntagsrhetorik als Partner herausputzen, sondern müssen dies auch im Geschäftsalltag mit entsprechenden Instrumenten umsetzen.

Änderungen in den Kreditprozessen bedeuten nicht, riskante Kredite an bonitätsschwache Kreditnehmer zu vergeben. Neue Wege bedeuten etwa, den Kreditnehmern Hilfestellungen und Instrumente an die Hand zu geben, um Risiken bessern erkennen und steuern zu können. Hier lassen sich neue Dienstleistungsfelder und natürlich Geschäftsmöglichkeiten für Banken erschließen.

Auf einer Konferenz zum Thema Kreditverbriefung in dieser Woche war mir aufgefallen, dass die originären Bedürfnisse der nach Finanzierung suchenden Unternehmen, insbesondere des Mittelstands, zu kurz kommen. Die Branche nähert sich nämlich den Finanzierung suchenden Unternehmen von der Anlageseite. Ausgangspunkt der Überlegungen ist stets, wie schaffe ich es Investoren zurück an den Markt zu bekommen und meine Bankrisiken so zu strukturieren, dass die Bank wieder mehr Geschäft machen kann. Erst dann stellt man sich die Frage, ob ein Finanzierung suchendes Unternehmen in dieses Geschäftsmodell passt.

Die Branche sollte es hier einmal wagen, die Denkrichtung zu ändern und vom Finanzierungsuchenden den Prozess zu betrachten. Statt „investment first“ also „financing first“. Sie sollte sich also zuerst die Frage stellen, was braucht ein Unternehmen für seine Finanzierung an Eigen- und Fremdkapitalinstrumenten. Anschließend kann man schauen, wie die Risikostrukturierung und die Refinanzierung durch Investoren auf diese Bedürfnisse ausgerichtet werden kann.

* Der Autor Dirk Elsner, 45 J., ist Diplom Kaufmann und Unternehmensberater, lebt in Bielefeld und hat in der Geschäftsführung mittelständischer Unternehmen und als Bereichsleiter in Banken gearbeitet. Er hat die DE Wirtschaftsberatung, Bielefeld gegründet, eine Unternehmensberatung, die mittelständische Unternehmen in Bielefeld, Ostwestfalen und Deutschland berät und unterstützt. Gemeinsam mit der auf Finandienstleister spezialisierten Beratung Innovecs berät er Banken.

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